Food For Thought: Patriarchat – der Teufel?



In letzter Zeit wird viel über das Patriarchat gesprochen und wie es unsere heutige Welt geprägt, verursacht und zerstört hat.


Ist das so?



Das Zuviel an männlicher Energie hat seine Spuren hinterlassen, an vielen Stellen brennt die Erde. Und doch wünsche ich mir auch hier ein Gleichgewicht: Es ist nicht alles schlecht, was war und was ist.


Denn überlegt mal: Wie war das Leben der Generationen vor uns — vor Gen Z, Y und X? Wie sah der Alltag unserer (Ur-)Grosseltern und oft sogar noch unserer Eltern aus?


In erster Linie ging es um die Sicherung der Existenz, finanziell eine Familie — und damals waren das noch Grossfamilien, wie wir sie heute kaum noch finden (meine Oma hatte 7 Geschwister!) — versorgen zu können. Da war wenig bis kein Platz für philosophische Fragen, ausgiebige Selbstheilungs-Prozesse, Job-Hopping oder Genussmomente. Ergo, für weibliche Energie.


Wir haben heute dieses Privileg, weil unsere (Gross-)Eltern Kriege überlebt, hart gearbeitet und ganze Familien über Wasser gehalten haben. Sie wussten und konnten es damals nicht anders. Sie haben jeden Tag ihr Bestes gegeben. Sie brauchten das Männliche, um zu überleben.


Die Lorbeeren dürfen wir heute ernten — materielle Fülle, unendliche Möglichkeiten zur Selbstentfaltung, Raum für eigenständiges Denken und Hinterfragen. UND: Auch Therapie für die eigene Heilung ist ein Privileg. Es ist vielleicht nicht schön, Grund zur Heilung zu haben — es ist aber ganz bestimmt ein Privileg, sich Raum und Zeit dafür nehmen zu können.


Kurzum: Durch das Patriarchat sind Dysbalancen entstanden, grosse — überall auf der Welt. Das müssen wir nicht gut finden. Das ist wichtig zu sehen und aktiv einen Wandel anzutreiben.


Es ist aber auch viel Gutes entstanden. Lasst uns das nicht vergessen oder den Scheinwerfer nur auf das Negative richten und alles Vergangene verteufeln. Lasst es uns als Fundament sehen, das bröckelt und das wir nun gemeinsam reparieren — in Dankbarkeit an unsere Vorgänger, als sinnvolle Aufgabe für uns und als Geschenk für alle künftigen Generationen.


PS. Denn sonst landen wir bald im Matriarchat, und das wäre nur die andere Seite der Medaille.



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